Australien: Kohleland ist abgebrannt

Australien leidet unter verheerenden Bränden. Im Land gibt es deshalb Streit um eine der wichtigsten Ressourcen.


Der Koala ist ein Symbol Australiens. Der Name der Beuteltiere stammt von den Aborigines und bedeutet „Trinkt nicht“. Denn Koalas brauchen normalerweise kein Wasser, sie holen Flüssigkeit aus Eukalyptusblättern. 


Doch seit Wochen kursieren im Netz Videos von Feuerwehrmännern und Radfahrern, die von Koalas um Wasser angebettelt werden. Die Tiere kämpfen um ihr Überleben.



Seit Monaten leidet Australien unter Hitze und Trockenheit. Waldbrände haben riesige Flächen vernichtet, Schätzungen zufolge sollen über 500 Millionen Tiere verbrannt sein. Mindestens 23 Menschen starben in den Flammen, mehrere Siedlungen sind von der Außenwelt abgeschnitten. 


Selbst Premierminister Scott Morrison kann die Zustände nicht länger ignorieren. In seiner Neujahrsbotschaft an die Bevölkerung sprach er von „harten zwölf Monaten“ mit „schrecklichen Buschfeuern, Trockenheit und Überflutungen.“ Dennoch gibt er sich zuversichtlich. Zu möglichen Ursachen äußert er sich nicht.

Doch gibt es einen Zusammenhang zwischen Kohle, Klima und Feuersbrunst? Morrison, der Mann, der mehrfach mit einem Stück Kohle in der Hand im Parlament für den Ausbau der Kohleförderung warb, leugnet das vehement. 


Immerhin sitzt Australien auf zehn Prozent des weltweiten Kohlevorkommens. Nach Eisen ist sie das wichtigste Exportgut des Kontinents, mit einem jährlichen Handelsvolumen von 41,8 Milliarden Euro. Hauptabnehmer ist das energiehungrige China, das noch immer drei Viertel seines Stroms in Kohlekraftwerken erzeugt. 


54.000 der knapp 25 Millionen Einwohner arbeiten in der australischen Kohleindustrie. Die konservative Regierung Morrisons regiert mit einer hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme. Sie ist auf die Unterstützung der Kohle-Lobby angewiesen.


Erste Warnungen im April


Für Klimaforscher ist der Zusammenhang deutlich. Im aktuellen Bericht des Weltklimarats IPCC führt schon eine Erw#rmung von weniger als einem Grad zu mehr Waldbränden. Zur Erwärmung führt der Treibhauseffekt aufgrund erhöhter CO2-Konzentration in der Atmosphäre.


Bereits jetzt sorgt Australien mit all seinen Exporten für rund fünf Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes. Baut das Land seine Kohleförderung wie geplant aus und nimmt beispielsweise die geplante Großmine Carmichael im Nordosten in Betrieb, würden die Emissionen weiter steigen. 


Die Denkfabrik Climate Analytics hat errechnet, dass Australien bis 2030 einen Anteil an CO2-Emissionen von über 13 Prozent haben könnte – bei nur knapp 25 Millionen Einwohnern. Das in Paris beschlossene Ziel von höchstens 1,5°C Erderwärmung ist so kaum zu halten. 


Auch Australien hat das Abkommen unterzeichnet und versprochen, seine CO2-Emissionen bis 2030 um 28 Prozent zu senken. Faktisch nehmen sie jedoch seit 2015 zu.


"Dein Land verbrennt"


Premier Scott Morrison ließ sich davon bislang wenig beeindrucken. Im vergangenen Jahr bezeichnete er Klimademonstranten als „unnötig ängstlich“. Mit seinen eigenen Töchtern habe er „nicht über Emissionsziele und die Paris-Verträge gesprochen, dafür über fossile Kraftstoffe.“ Er gilt als Skeptiker des menschengemachten Klimawandels.


Doch der Widerstand wird größer. Besonders vielen Australiern stieß der Urlaub des Premierministers vor Weihnachten in Hawaii sauer auf. Ein Bild verbreitete sich rasch: Scott Morrison, blumengeschmückt, auf einem Vermisstenplakat. 


„Vermisst“, schrieben Demonstranten darunter, „dein Land verbrennt“. Morrison reagierte und unterbrach nach einer Woche seinen Urlaub. Später entschuldigte sich der Regierungschef. Doch es half wenig.


Als Morrison kurz darauf einige betroffene Gemeinden besuchte, wurde er von Brandopfern als „Idiot“ beschimpft. Eine Schwangere verweigerte sich, ihm die Hand zu geben. Er schüttelte sie trotzdem. 


Der öffentlichen Meinung half das erwartungsgemäß wenig. Morrisons liberaler Parteifreund Andrew Constance kommentierte, dass der Premier den Empfang „wahrscheinlich verdient“ habe.



Auch Vertreter der Feuerwehr kritisieren Morrison. Greg Mullins, ehemaliger Feuerwehrchef im stark betroffenen Bundesstaat New South Wales, macht seinem Ärger öffentlich Luft.


Gemeinsam mit 23 weiteren ehemals leitenden Einsatzkräften hätte er bereits seit April um ein Gespräch mit dem Premierminister gebeten. Sie hatten vor einer anstehenden Feuer-Krise warnen wollen. Doch der Minister hätte abgewunken.


„Die Regierung spricht nicht gern über Klimawandel“, sagt Mullins. Er selbst sieht darin jedoch eine der Hauptursachen für das Ausmaß der diesjährigen Brände. Schon ein Temperaturanstieg von einem Grad hätte verheerende Auswirkungen. 


Doch auch die Bevölkerung ist nicht vom Zusammenhang zwischen Kohle und Feuer überzeugt. Im Gegenteil, sie machen grüne Politik dafür verantwortlich. Australien brennt fast in jedem Jahr - früher haben die Bewohner reagiert, indem sie in kälteren Monaten gezielt Wälder abgebrannt, oder schneisen geschlagen haben.


Das ist mit modernem Naturschutz kaum vereinbar. Doch gegen die Feuer würde eine Ausdünnung der Wälder tatsächlich helfen. Den darin lebenden Tieren nicht.


Morrison reagierte auf die Kritik und ließ am Wochenende 3.000 Reservisten der Armee aktivieren. Es ist nach Angaben der Regierung der erste Pflichteinsatz für Reservisten in der Geschichte des Landes.



Unsichere Opposition


Australiens ohnehin strauchelnder Wirtschaft dürften die Feuer weiter zusetzen. An der Börse sackten die Kurse der größten australischen Kohlefirmen Whiteheaven Coal, Yancoal und New Hope im Verlauf des Jahres leicht ab, sind nun aber stabil. Analysten rechnen jedoch mit einem Einbruch des Binnenkonsums in Australien.


Die größte Oppositionspartei Labor kann von der Schwäche der Regierung nur wenig profitieren. Labor-Chef Anthony Albanese hat die Bedrohung durch das Feuer schneller erkannt und durch teils private Spenden einige Unterstützer gewonnen. 


Doch ein Teil des klassischen Wählerklientels der Arbeiterpartei (Labor) sind Kohle-Beschäftigte. Daher tut sich Labor schwer, sich gegen die Kohle zu positionieren. Zum Ärger von Klimaschützern. 


Albanese sagte in einem Interview, dass es für die Erreichung der Klimaziele nicht nötig sei, Kohleexporte zu stoppen. „Dann würde die Kohle nur von anderer Stelle kommen.“ Ein Ende der Brände ist derweil nicht in Sicht.



Fotos:

Beitragsbild: Martin Snicer

Koala - Tanner Ford.

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