Das politischste Konzert des Jahres

Aktualisiert: Jan 6

11.000 Menschen feiern sich bei Feine Sahne Fischfilet ihren Frust von der Seele. Das bisher größte Konzert der Punkrocker bringt das Elbufer an seine Grenzen.


Vor ihrem letzten Song steht Monchi, der riesige Sänger von Feine Sahne Fischfilet, auf der Bühne und sieht sich ungläubig um. "Wenn ich jetzt noch zehn mal Danke sagen würde, käme ich mir vor wie ein Schleimer", sagt er, "also fickt euch." Das nimmt ihm längst keiner mehr übel, denn hinter Band und Publikum liegen zu diesem

Zeitpunkt zwei hochemotionale Stunden Konzert.


Als die linke Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern Anfang dieses Jahres verkündete, ihr größtes eigenes Konzert ausgerechnet in Dresden spielen zu wollen, ist die Überraschung bei den Fans groß. Auch die Band scheint sich dessen bewusst zu sein und heizt den Hype in den sozialen Netzwerken an. Mit Erfolg: Bereits Wochen vorher ist das geplante Konzert am 6. Juli restlos ausverkauft.


Doch dann die Ernüchterung: Wenige Tage vor dem Auftritt bricht sich Gitarrist Christoph Sell den Arm, niemand kann sagen, wie lange er ausfallen wird, Tourabbruch, Absage des Dresden-Konzerts. Der Nachholtermin fällt auf den 21. August, mitten in der Woche. Doch die Sorge um das ungünstige Datum erweist sich als unbegründet: Am Mittwochabend stehen knapp 11.000 Menschen vor der Bühne und wollen feiern. 


Bengalos statt Handybildschirme


Den Anfang machen zwei andere Bands: Die Banda Comunale, die unverstärkt spielenden Lokalmatadoren und die schwedische Punkband The Baboon Show. Besonders letztere legt einen mächtigen Auftritt hin und erspielt sich einige neue Fans. Doch dann ist es so weit: Die ersten Akkorde von "Zurück in unserer Stadt" erklingen, das Banner fällt, und in den vorderen Reihen bricht die Hölle los.


Bei Auftritten von Feine Sahne Fischfilet geht es meist etwas grober zu. Da wird geschubst statt getanzt, da leuchten Bengalos statt Handybildschirme und es spritzt Pfeffi statt Wasser durch die Gegend. Der energetische, oft hymnenhafte Punkrock mit Ska-Einflüssen animiert vor allem junge Männer dazu, sich laut grölend in die nächste Menschenmenge zu schmeißen. 

Das wird an einigen Stellen jedoch zu viel: Gerade in den ersten Reihen wird so viel gedrückt und gesprungen, dass kleinere Konzertbesucher in Bedrängnis kommen. Am Elbufer kann jeder in den vorderen Bereich gehen, doch weil bei Feine Sahne Fischfilet dort bekanntlich der Schmelztigel ist, ist der Bereich völlig überfüllt. Auch die bei Konzertbesuchern beliebten Moshpits bleiben gut gemeinte Versuche - es ist schlicht kein Platz da, um menschenleere Kreise in der Menge zu bilden.


Der Sound ist, wie vom Elbufer gewohnt, sehr präzise und klar, die für die Band typischen Trompeten kommen gut zur Geltung. Sänger Monchi kann zwar immer noch nicht singen, macht dafür aber ordentlich Stimmung, und das Publikum ist so laut und textsicher, dass der Gesang ohnehin untergeht. Die Bühne ist karg bestückt: Keine Videoleinwände, keine Lichtshow, nur ein großes Banner mit einer Ostsee-Szene und einigen Möwen im Hintergrund.


Ein Spruchband sorgt für Ärger


Darauf ist die Band auch nicht angewiesen, denn sie hat ein anderes Ass im Ärmel: Ihren charismatischen und nie um Worte verlegenen Sänger. Dass es politisch werden würde, war zu erwarten.  In jeder Pause skandiert das Publikum antifaschistische Parolen, auffällig lauter, häufiger und an einigen Stellen auch verzweifelter als gewöhnlich, angesichts der von vielen Anwesenden gefürchteten Landtagswahl.


Und auch Monchi spricht in vielen Ansagen politische Themen an, jedoch sichtlich bemüht um eine positive Grundstimmung: "Hier sind so viele Leute, Punks, Hip-Hopper und vermeintliche Normalos, und alle feiern das Gleiche, so muss es sein."

Doch auch die andere Seite des politischen Spektrums ist nicht weit entfernt. In den sozialen Netzwerken verbreitete die Band ein Foto von einem Spruchband, das am frühen Mittwochnachmittag an der gegenüberliegenden Elbseite entrollt wurde. Darauf stand der Spruch: "Was reimt sich auf Zyklon B - Feine Sahne Fischfilet." Das Banner sorgte für mehrere Anzeigen, die Staatsanwaltschaft prüft derzeit die strafrechtliche Relevanz.


Am frühen Abend versammelten sich dann einige unbekannte Personen an derselben Stelle und zeigten Banner mit: "Linksfaschisten den Stecker ziehen" und "Noch nicht komplett im Arsch - Dresden bleibt deutsch". Die Band nahm es sichtlich mit Humor, ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem.


Den Auftritt beeinflusst das nicht, im Gegenteil, diese Aktionen wirkten wohl eher als Stärkung der Gemeinschaftsgefühls der Fischfilet-Fans. Nach Monchis "Fickt euch" und vor ihrem letzten Song ist noch einmal kurz Ruhe. Dann erklingt der erste Akkord von "Komplett im Arsch", die Trompeten setzen ein, und die Massen stürzen sich ein letztes Mal aufeinander. So, als würde es etwas ändern.

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