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© 2019 Maximilian Helm

Die Naturburschen

Wandern und spazieren gehen: Was zieht junge Erwachsene an die frische Luft? Ein Essay auf der Suche nach Antworten.


Schon Aristoteles war verzweifelt. Im Jahr 350 vor unserer Zeitrechnung sagte er: „Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation“. Die ältesten Klagen über die folgenden Generationen wurden vor über 5 000 Jahren in Keilschrift in Stein gemeißelt und haben sich in dieser Zeit erschreckend wenig weiterentwickelt.


Die Jugend kümmere sich nicht, die Jugend interessiere sich nicht. Die Aufmerksamkeit gelte nur dem anderen Geschlecht, Unterhaltung, Büchern oder eben heute dem Mobiltelefon. Faul und verweichlicht sei sie. Da schießt die Beobachtung eines älteren, aufmerksamen Kollegen quer, dass ihm in letzter Zeit auf Wanderungen immer mehr Gruppen von Anfang 20-Jährigen entgegenkämen. Junge Menschen, die freiwillig ihre Tastatur verlassen? Ist das denn die Möglichkeit?


Foto: Flickr/Andrea Mihali

Klischees wären keine Klischees, wenn sie wahr wären. Und so lässt sich schon seit einiger Zeit beobachten: Junge Menschen zieht es immer mehr nach draußen, an Seen, in die Berge oder nur nachmittags in den Stadtpark. Und einige mieten sich sogar einen Kleingarten. Was auf den ersten Blick wie die Kapitulation der sonst so hippen Jugend vor der erdrückenden Macht der Spießbürgerlichkeit anmutet, hat vielleicht einfach nur einen Imagewandel erlebt. Die Gurken im Salat sind aus dem Garten? Das darf man heutzutage mindestens bemerkenswert finden.


Die Dämonen der Jugend


Doch woher rührt diese neue Naturverbundenheit? Zunächst ist es draußen einfach schön und Gurken aus dem heimischen Garten sind erst einmal nur lecker. Doch es steckt mehr dahinter. Zwar leben die wenigsten in einem verdreckten Moloch von Großstadt oder haben ein unmittelbares Kriegstrauma zu verarbeiten. Doch auch heute ist der Hang zum Grünen nicht mehr als eine Flucht. Und die Jugend flieht vor ihren eigenen drei Dämonen: Luxus, Lärm und Lethargie. Dass der Impuls besteht, dem Luxus zu entfliehen, mag im ersten Moment sonderbar erscheinen. Doch die jungen Leute fliehen nicht nur vor dem Luxus, sondern vor dessen Abwesenheit und dem Zwang, ihn besitzen wollen zu müssen. Dort draußen hingegen gibt es alles umsonst und die spektakuläre Aussicht ist für jeden gleich. Eine Welt, die ständig erzählt, was man zu sein und zu besitzen hat, ist eine Welt, aus der zu flüchten es lohnt.


Der zweite Dämon ist der Lärm und seine häufigste Gestalt wohl das Klingeln des Handys. Die Chefin, die nach der Präsentation verlangt, der Freund der geliebt werden will, der Opa der besucht werden will und die Freunde, die nicht verstehen wollen, dass man keine Zeit zum Saufen hat. „Tut mir Leid, zwischen den Eichen hatte ich kein Netz“ ist wohl die formschönste Ausrede, um dem zu entfliehen.


Der dritte Dämon, die Lethargie, ist der heimtückischste. Er speist sich durch die Schwierigkeit, sich im jungen Alter für eine von unzähligen Möglichkeiten zu entscheiden. Er nährt sich von den Tausenden Bildern von Menschen, die schärfer aussehen, fetziger verreisen und besseren Sex haben als man selbst. Eine Paralyse, weil nichts, was man tun könnte, auch nur annähernd gut genug ist. Am besten, man lässt es gleich sein, es nützt ja nichts. Die Natur kann daran auch nichts ändern. Aber sie erwartet nichts. Sie braucht keine Entscheidung. Die einzige Aufgabe besteht darin, irgendeinen Weg entlang zu gehen. Wie schnell, wie schön, wie oft man das tut, ist dem Berg völlig egal. Für viele ist das ungewohnt und befreiend zugleich.


Kein Trend der Nazis


Diese Bewegung zurück zur Natur ist dabei weder singulär noch ungewöhnlich. Kamen gesellschaftliche Umbrüche, suchten die Menschen Halt und Ausgleich. Vor allem im späten 19. Jahrhundert, mitten in der Hochindustrialisierung, machte sich in Deutschland eine Bewegung namens „Lebensreform“ breit. Dazu gehörten die Verbreitung von Gartenbau, Vegetarismus, Naturheilkunde und eine Freiluftbewegung. 1895 gründeten sich die „Naturfreunde Deutschlands“. Die Städte wurden eng, schmutzig, laut und schnell, ein Bergsee verhieß das willkommene Gegenteil und auch Linderung der Gebrechen, die durch die steigende Umweltbelastung auftraten. Vor allem Maler, Bildhauer und Poeten zogen sich häufig in ländliche Gegenden zurück. Ihr großes Idol war Jean Jacques Rousseau. Für den 1712 in Genf geborenen französischen Schriftsteller und Philosophen war klar, dass der Mensch in der Natur am glücklichsten ist. Auch seine politischen Utopien begründete er auf Grundlage des menschlichen Naturzustandes.


Selbst Kinder und Jugendliche folgten diesem Trend. 1901 gründete sich die „Wandervogelbewegung“, die sich in Berlin zu regelmäßigen Ausflügen ins Grüne traf. Anders als die Pfadfinder verzichteten sie aber auf jeglichen Drill und Uniformen. Kritisiert wurde diese Bewegung vor allem, weil Mädchen und Jungen gemeinsam an den Wanderungen teilnahmen. Ein Skandal im damaligen, wilhelminischen Deutschen Reich. In den späten 1920ern kam das Phänomen dann erneut auf. Nach dem ersten Weltkrieg und in der wandlungsreichen Phase der Weimarer Republik, zog es gerade die jungen Menschen wieder hinaus in Wald und auf Wiesen. Später banden auch die Nationalsozialisten diesen Trend in ihre Propaganda ein. Schon bald galt es als urdeutsch, seine Freizeit derartig zu nutzen. Dabei ignorierten sie völlig, dass es sich zuvor um eine freiheitliche Bewegung von Künstlern und jugendlichen Querdenker gehandelt hatte.


Die Flucht nach vorn, nach draußen, ist also kein plötzlicher Ausbruch von vorher nie dagewesener Spießigkeit. Sondern Ventil und möglichst großer Kontrast zum Lärm und Stress des Alltags. Noch vor einigen Jahren war Wandern die langweiligste Tätigkeit, heute Sehnsuchtsort für die chronisch überforderten Synapsen. Und die Jugend hat die erfrischende Eigenschaft, meist genau das zu tun, was man nicht von ihr erwartet. Wenn vor Jahren also erwartet wurde, dass sie raus geht, blieb sie drin. Und wenn jeder erwartet, dass sie drinnen vor dem Rechner bleibt? Dann geht sie einfach raus. Viva la resistance.


Das Titelfoto stammt von Andrea Mihali.

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