• Schwarz Twitter Icon
  • Schwarz Instagram Icon
  • Schwarzes Xing
  • Schwarz LinkedIn Icon
  • Black Blogger Icon

Datenschutz

© 2019 Maximilian Helm

Frauke Petrys Satire-Partei

Aktualisiert: 15. Dez 2019

Die in Sachsen ansässige Blaue Partei kämpft gegen die Bedeutungslosigkeit, bei der Sachsenwahl 2019 mit völlig absurden Mitteln. Das kann sie nicht ernst meinen.


Frauke Petry ist eine Opportunistin. Daran ist zunächst auch nichts Verwerfliches. Für Politiker*innen (leider besonders für -innen) ist es eine Kernkompetenz zu einem gewissen Grad das zu erzählen, was das Gegenüber gerade hören möchte. Ich hatte einmal das Vergnügen, Petry in ihrem Büro, der "Blauen Ecke" in Pirna, zu treffen. Ich weiß noch, wie viel Angst ich Angst hatte, so als blutjunger Neu-Journalist bei Deutschlands Cruella de Vil zu sitzen.


Wider erwarten war das Gespräch wirklich freundlich. Beinahe zu nett, bereits nach wenigen Minuten fragte mich Petry, was mich denn umtreibe, wie ich mich in meiner neuen Redaktion fühlte, womit ich als Berufseinsteiger so zu kämpfen hätte. Das ist ihr Talent: Zuhören, Fragen stellen. Sie ist keine Philosophin, kein Bühnentier, keine exakte Strategin. Sie ist eben die Frauke, von Hauseingang nebenan. Die zufällig mitbekommen hat, dass man ihr besonders gern zuhört, wenn sie Geflüchtete nach Hause schicken will. Dass die Reaktion auf geschürte Ängste emotionaler und heftiger ist, als auf gutgemeinte Ratschläge. Das kann und will sie. Und sie tut es auch, Kraft ihrer unbestrittenen Intelligenz.

Doch Frauke Petry hat ein Problem: Niemand glaubt ihr mehr. Schon ihr ganz zufälliges Absteigen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge vor der Bundestagswahl, hatte ein Geschmäckle. Doch einen Tag später die AfD zu verlassen, sich von den gerade noch vertretenen Einstellungen zu distanzieren, zu offenbaren, dass sie einen Großteil ihrer Radikalität nur gespielt hatte, war eine eher mittelmäßige Idee. Noch heute rufen ihr enttäusche Wähler*innen in ihrem Wahlkreis ein herzliches "Verräterin" nach. Zu ihrem Glück ist Oliver Lang da, ihr Pressesprecher, der aber rein physisch auch locker als Security durchgehen könnte. Doch Wahlstimmen gewinnt sie so nicht. Die Blaue Partei, die so gern die goldene Mitte zwischen zu linker CDU und zu rechter AfD wäre, wird nicht ernst genommen und dümpelt bei einem Prozent herum.


Ihre Lösung: Schwachsinn. Aufmerksamkeit um jeden Preis. Auf einem Plakat hält ein junger, muskulöser Mann sein T-Shirt hoch und entblößt seinen halben Bauch. Damit ist gemeint: Wir machen auch Sexismus mit Männern, wir stehen über dem Thema. Schön wäre es, doch so wie das Thema behandelt wird, möchte ich ganz leichte Zweifel anmelden. Und der Sexismus, der meist gegen Frauen, aber auch gelegentlich gegen Männer gerichtet ist, wird gewiss nicht dadurch besser, einen nackten Mann auf einem Plakat abzubilden.

Sachsen sind immun gegen Sexismus. Foto: Sarah John

Wo wir bei der nächsten Peinlichkeit wären. "CO2-Steuer geht uns am A*** vorbei" steht auf einem Pappschild. Erstens: Leute, da fehlt ein Stern. Am was soll es denn vorbeigehen? Ich tippe auf "Aldi". Daneben ein Hintern, Aufmerksamkeit durch sexy zerrissene Jeans. Ungeachtet der Tatsache, dass zwei Laternen weiter noch das "Sexismus gibt es doch nicht"-Plakat hängt, ist dieses Manöver so platt, dass der Betrachter zurecht in seiner Intelligenz beleidigt ist.


Es gibt auch einige inhaltliche relevante Plakate, doch die machen alles nur noch schlimmer. Auf einem steht "Nicht wählen, blau machen", auf einem anderen steht der faszinierende Spruch "Windräder sprengen, Bienen schützen". Ich denke, eine handelsübliche Windschutzscheibe hat im Durchschnitt mehr Bienen auf dem gewissen als ein fettes Windrad, fünfzig Meter über der Erde. Das ist aber eine nicht belastbare Behauptung, ohne Zahlenmaterial.


Zwei Highlights warten noch: "Atomkraft, meine Steckdose verträgt das". Bitte Leute, ein Sky-Testabo kostet 5 Euro, da binged ihr an zwei Nachmittagen Chernobyl durch und dann wisst ihr warum eure Steckdose natürlich Atomkraft verträgt, nämlich weil sie vorher in Elektroenergie umgewandelt wurde. Wenn der Toaster jeden Morgen ein paar Millisievert ausspeien würde, sähe die Welt schon ganz anders aus. Und das auch für keine besonders lange Zeit.

Sachsen ist seit jeher Nehmerland ist gesamtdeutschen Finanzausgleich..

Und last but not least: "Säxit - Sachsen kann's alleine". Spätestens jetzt ist klar, Petry und die Blauen meinen es nicht mehr ernst. Was dahintersteckt, am liebsten würde ich sie fragen. "Du, Frauke, was soll denn das?" Vielleicht hat sie von Beppe Grillo und Wolodymyr Selenskyj eine Strategie abgeschaut: Viel Humor, zusammen mit einer Prise Angst und jeder Menge Redetalent.


Doch beide vereint noch eine andere Eigenschaft: Sie sind neu und in den Augen der Wähler*innen unverbraucht, eine echte Chance, dass sich etwas ändert. Und Petry? Ist seit einigen Jahren Teil des politischen Establishments und hat sich als politischer Ränkeschmied hervorgetan, wie kaum jemand zweites. Ihr wird die alternative Schiene nicht mehr gelingen, egal was sie tut. Diese leeren Quatschforderungen sorgen vielleicht für Gesprächsstoff unter Passanten, doch dafür verschwendet niemand seine Stimme.


Ein letztes noch: Es gibt ein großes Plakat, auf dem ist Frauke Petry zu sehen, daneben steht "Konservativ, aber anständig". Das wäre Material für eine gute Kampagne, es sagt aus was die Partei will, und auch, was die Leute hören wollen. Dass Petry diese Kunst beherrscht, ist bekannt. Wenn sie nicht davon Gebrauch machen will, soll mir das Recht sein. Nur wenn sie Spaßpartei spielen will - dann sollte sie sich bitte auch um Humor bemühen.