• Schwarz Twitter Icon
  • Schwarz Instagram Icon
  • Schwarzes Xing
  • Schwarz LinkedIn Icon
  • Black Blogger Icon

Datenschutz

© 2019 Maximilian Helm

Herr Schmidt friert

Wie ist es, mit 67 Jahren auf der Straße zu landen? Jeden Tag sucht Herr Schmidt mit hunderten anderen Obdachlosen Zuflucht bei der Diakonie. Hier treffen Schicksale und Substanzen aufeinander.


Herr Schmidt ist nervös. Er ist beklaut worden, als er gerade im McDonalds auf der Reeperbahn schlief. 14,20 Euro und eine Schachtel Zigaretten fehlen. Er überprüft den Rest. Das Hab und Gut des Rentners befindet sich in zwei wasserdichten Rucksäcken, säuberlich in Plastikbeuteln verpackt: Einer für Essen, einer für Kleidung, sogar einer für Gewürze.


Er legt sie beiseite, holt eine hellgrüne, löchrige Tüte hervor. „Meine goldene Tüte“, sagt er, als er ihren Inhalt vor sich ausbreitet. Ein paar Einwegrasierer, zwei Kabel, eine Tube Rasierschaum, ein Bleistift, Servietten, ein Schraubenzieher und eine kleine Flasche Markenshampoo mit Apfelgeruch. „Die Junkies klauen dir sogar die Schnürsenkel, wenn du nicht aufpasst“, sagt er. Als er merkt, dass nichts fehlt, lehnt er sich entspannt zurück.


Er hat sich noch nicht an dieses Leben gewöhnt. Herr Schmidt ist erst seit wenigen Wochen ohne Zuhause. Und Herr Schmidt fürchtet den Winter.


2018 zählte die Stadt Hamburg knapp 2.000 Obdachlose, davon 36 Prozent Deutsche. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. 2009 waren es nur halb so viele gewesen – und über 70 Prozent Deutsche.


Die Zuflucht


Ela Cebe ist studierte Sozialarbeiterin, 28 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr in einer Tagesaufenthaltsstätte (TAS) der Diakonie. An jedem Wochentag hat die TAS auf der Bundesstrasse von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Am Wochenende ist geschlossen.


Eine Stunde bevor die Türen an diesem Freitag öffnen, haben sich schon dutzende Menschen davor versammelt. Es ist Ende September, das Wetter ist grau und regnerisch. Ela Cebe kennt die meisten der Wartenden. Sie schätzt den Anteil von Osteuropäern in ihrer Einrichtung auf 80 Prozent. Darauf ist die TAS spezialisiert, bietet Beratungsgespräche in zehn verschiedenen Sprachen an, darunter Rumänisch, Polnisch und Türkisch.


Das spricht sich rum unter den Bedürftigen. Hier gibt es eine Kantine, Duschen, Waschmaschinen und einen Computerraum. Ein Kaffee kostet 25 Cent, ein Essen 50 Cent für Obdachlose und 1,50 Euro für Menschen mit Wohnung. Die Auskunft wird nicht überprüft. Am Ende des Tages werden über 100 Essen verteilt worden sein – nur zwei davon zum höheren Preis.

Heute gibt es Penne mit Bolognese. Der Ansturm ist größer als von der Küche erwartet. Als er merkt, dass das Essen nicht reichen wird, löst der Koch Bolognese-Pulver in heißem Wasser auf, um die Sauce damit zu strecken. „Bei dem Wetter muss hier jeder etwas zu essen bekommen“, sagt er.


Energie für die Nacht

Auch Herr Schmidt holt sich seine Portion. Dazu einen Kaffee – ohne Milch. Während er umrührt, lässt er vier Süßstofftabletten hineingleiten. „Ich brauche Energie für die Nacht.“ Er setzt sich mit seinem Tablett an einen leeren Vierertisch.

Der Raum ist eine Mischung aus Krankenhauskantine und Schulhort, auf grünem Linoleumboden stehen gepolsterte Holzstühle und Tische. Auf den Stühlen sitzen, fläzen oder schlafen die verschiedensten Menschen. Ein Mitarbeiter sagt: „Der Laden ist wie eine Kneipe.“ Jeder bringt hier seine eigene Geschichte mit – und verspeist auf der Suche nach Schutz und Wärme doch das gleiche Essen.

Da ist zum Beispiel Emanoil, 28 Jahre alt, ein aufgedrehter Rumäne mit dunklem Teint und akkurat frisiertem Haar. Er kam auf der Suche nach Arbeit nach Hamburg und wohnt zurzeit bei einem Freund. Eine eigene Adresse hat und will er nicht, er lässt sich seine Post zur TAS schicken. Eine Idee, wie es weitergeht, fehlt ihm, die Rückkehr in die Heimat ist keine Option. „Hamburg ist besser, aber Arbeit finden scheiße“, sagt er.

Ihm gegenüber sitzt eine Frau Mitte 30: Rosa Plüschjacke, künstliche Wimpern, giftgrüne Fingernägel, Handtasche, Lippenstift, strähnige blondierte Haare. Ihre Pupillen sind erweitert. Im Minutenrhythmus prüft sie ihr Äußeres in einem Handspiegel. Ihre Gesichtszüge und der leichte Bartschatten lassen vermuten, dass sie als Mann geboren wurde. Sie stammt aus Polen und geht regelmäßig in die TAS. Ihren Namen und ihre Geschichte möchte sie nicht preisgeben – wie so viele hier.


"Irgendwas wird schon werden"

Herr Schmidt hat damit kein Problem. Dabei besteht er vehement darauf, gesiezt zu werden. Er kommt seit zwei Monaten zur TAS, sagen die Mitarbeiter. Er selbst spricht von einem. So lange sei es her, dass sein Vermieter ihm und seiner Frau wegen Eigenbedarfs gekündigt habe. Sie sei zu ihrer Tochter nach Offenbach gezogen, er in Hamburg geblieben, um eine neue Wohnung zu suchen. Zum Leben habe er 250 Euro.


Er würde ja den Chefredakteur der Bildzeitung um Hilfe bitten, sagt er, den habe er vor Jahren in der „Ritze“ auf der Reeperbahn kennengelernt. Doch die Visitenkarte sei leider bei der Zwangsräumung verloren gegangen. Deshalb lebt er jetzt auf der Straße, verbringt viel Zeit am Hafen. Der Fischgeruch, der an seinen Sachen haftet, bezeugt das. Einen Plan für die kalten Monate hat er noch nicht. „Irgendwas wird schon werden“, sagt er, um Optimismus bemüht. Seit er bei einer Vollbremsung im Bus stürzte, hat er einen Rollator. Er benutzt ihn so gut wie nie.

Hausverbote sind bei der Diakonie selten, doch an diesem Freitag treibt sich ein Verbannter vor der Einrichtung herum. Im Drogenrausch hat er geklaut und die Mitarbeiter bedroht. Sie nennen ihn „Spezi“. Der junge Rumäne Emanoil will ihm einen Kaffee vor die Tür bringen, Ela Cebe verbietet es ihm. Emanoil baut sich daraufhin vor ihr auf. „Ihr seid keine Menschen“. Was er meint, ist unklar. Sie reagiert gelassen: „Dir auch ein schönes Wochenende“. Dann geht er.


Raus in den Regen


Auch Spezi verschwindet bald darauf. „Die meisten sind freundlich und dankbar, aber solche Kandidaten gibt es immer“, sagt Cebe. Besonders in Warteschlangen oder im Streit um Gegenstände kommt es häufiger zu Rangeleien. Oft sind Drogen im Spiel. Deshalb müssen immer mindestens zwei ausgebildete Sozialpädagogen anwesend sein. „Wenn jemand krank ist und ich alleine mit den freiwilligen Helfern bin, muss die TAS geschlossen bleiben“, sagt Cebe.

Um 16 Uhr ist Feierabend. Früher haben sie dann immer laut den Schlager „In Hamburg sagt man Tschüß“ gespielt, um die letzten Schlafenden zu wecken. Doch dann befand jemand, dass man sich damit über die Besucher lustig machen würde. Seitdem drehen die Mitarbeiter im Stillen ihre Abschlussrunde. Im Speisesaal schläft einer mit dem Kopf auf dem Tisch. Als er angesprochen wird, blickt er sich verschlafen um, verlässt aber wenige Minuten später klaglos die Einrichtung.

Nun ist nur noch Herr Schmidt da, der sich gerade auf der Toilette rasiert. Er zögert die letzten Minuten in der Wärme so gut es geht hinaus. Dann verlässt er hinkend die TAS, ohne sich zu verabschieden. In Sichtweite setzt er sich in ein Straßencafé. Mit seiner Kapitänsmütze und seinem glatt rasierten Bart fällt er niemandem auf. Es fängt an zu regnen. Für ihn ist es ein Vorbote der nächsten Monate.


Fotos: Flickr/Birgit Kulbe


Die Reportage entstand im September 2019 an der Henri-Nannen Schule in Hamburg. Ich habe mich gefragt, ob ich den Ende am Regen erwähnen sollte, weil er so abgegriffen ist, an der Stelle absurderweise aber wirklich so niederschlug. Ich habe mich dafür entschieden.


Was aus Herr Schmidt geworden ist, weiß ich nicht. Die Nummer, die er mir gab, führt nirgendwohin.

5 Ansichten