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© 2019 Maximilian Helm

Der Mörder aus dem Internet

Aktualisiert: Jan 24

Beim Versuch eine Synagoge zu stürmen, hat Stephan B. in Halle zwei Menschen erschossen. Warum er nicht in das klassische "Nazi"-Schema passt. Und warum das alles so kompliziert macht.


Es ist die Beiläufigkeit, die ihren Tod so erschütternd macht: Jana L. und Kevin S. waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie stieg aus dem Bus, er aß einen Döner. Ein ganz normaler Mittwochmittag, jetzt sind sie tot. Ihr Mörder, Stephan B., hatte es eigentlich auf die Hallenser Synagoge abgesehen, in der gerade knapp 50 Gläubige Yom Kippur feierten - das jüdische Versöhnungsfest. Er wollte das Gotteshaus stürmen, er wollte so viele Menschen töten wie möglich, er wollte internationale Bekanntheit erlangen. Und: Er wollte beliebt sein.


Beliebt? Handeln Täter nicht aus intrinsischer Motivation heraus? Kaum jemand tut Böses mit einer innerlich bösen Intention. Attentäter, Mörder, Terroristen sind meist von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt - seien die Voraussetzungen dafür noch so irreal. Stephan B. reiht sich jedoch, nach all dem was wir wissen, nicht ein.


B. hat den Großteil seiner Zeit im Internet verbracht. Er ist 27 Jahre alt, hat Abitur, hat ein Chemiestudium abgebrochen, war kurzzeitig bei der Bundeswehr und arbeitete in letzter Zeit als Rundfunktechniker. Sein Vater bezeichnet ihn als "Eigenbrötler" ohne viel Kontakt zu anderen Menschen seines Alters. Er war weder im Schützenverein (wie Lübcke-Mörder Stephan E.) oder politisch aktiv (wie der norwegische Terrorist Anders Breivik). Stattdessen trieb er sich in diversen Foren herum, genau genommen Imageboards, auf denen anonyme User Texte, Bilder und Dateien veröffentlichen können. Den Namen "Anon", den er sich gab, bedeutet lediglich "Anonymous User". Ein Sinnbild für: Ich könnte jeder sein.


Imageboards: Erlaubt ist was kickt.


4chan.org ist das bekannteste Imageboard im Internet. B. war hier sporadisch aktiv. 4chan erlangte 2017 in Deutschland Medienpräsenz, als der 19-Jährige Marcel H. aus Herne seinen jugendlichen Nachbarn ermordete und Fotos der Tat dort veröffentlichte. Doch 4chan ist keineswegs das reine Böse. Der Großteil der Nutzer, meistens männlichen Geschlechts, tauscht sich dort über Anime, über Memes und sonstige angesagte Themen aus. Doch geschützt durch die Anonymität werden auch anderes Klientel angezogen. Im bekannten 4chan-Kanal Politically Incorrect (kurz: /pol) finden sich Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Rechtsradikalismus und Pornografie.

4chan ist nicht das einzige Board, vor allem ist es nicht komplett unmoderiert. Die deutlich radikalere Ausgründung 8chan wurde vor einigen Monaten abgeschaltet - die Betreiber fanden schlicht keinen Anbieter für das Hosting. In Deutschland gab es das Board Krautchan, doch auch das wurde gesperrt. Sein Nachfolger Kohlchan war bis vor wenigen Tagen offen, auf beiden Boards tummelt sich eine ähnliche Klientel wie auf 4chan - vielleicht etwas extremer. Mehrere Medien berichteten jedoch, dass B. vor der Tat seinen Plan dort hochgeladen habe. Nun steht das Board im Visier der Polizei, dementiert aber sämtliche Verbindungen zu B. Kohlchan ist nicht mehr einsehbar, Nutzer bekommen nur eine Texttafel zu lesen.

We investigated the matter and concluded that the shooter did not use Kohlchan to spread his Twitch stream or his manifesto. The press releases of e.g. The Guardian, Sueddeutsche, ... contradict our findings and do not correspond to the truth. Update: https://www.buzzfeednews.com/article/ryanhatesthis/halle-germany-shooter-meguca-anime-manifesto So either the "independent journalists" from Reuters, Deutsche Presse Agentur, The Guardian, Sueddeutsche, LeMonde, ... are exceptionally bad at their profession or they deliberately lied.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Nach derzeitigem Kenntnisstand war B. nicht viel auf Kohlchan unterwegs, hat vor allem seine Tat nicht dort angekündigt. Auch die Deutsche Presseagentur hat diese Meldung inzwischen verworfen. Trotzdem wurde das Video seiner Tat dort sehr schnell verbreitet. Seine "Heimat" war ein Anime-Board namens Meguca. Dort, in einem kleinen Unterthread mit regenbogenfarbenem, sich bewegendem Hintergrund lud B. das .pdf zu seiner Tat hoch. Und bekam Beifall - zumindest anfangs.

Um 11:57 veröffentlicht B. auf Meguca.org seinen Plan, seine Waffen und seinen Stream. Screenshot: Buzzfeed

Das Problem mit der Ironie


Wie kann offener Antisemitismus und Rechtsextremismus im Netz existieren? Und warum unterscheidet er sich von den Formen, die zum Beispiel bei Rechtsrock-Festivals in Ostritz stattfinden. Das Problem heißt Shitposting. Wer sich diese Beiträge durchliest (was ich ausdrücklich nicht empfehle) der merkt, dass der Witz wichtiger als der Inhalt ist. An vielen Stellen sind Witze über Juden, über Schwarze, über Muslime nur da, um zu provozieren. Häufig steckt keine politische Agenda dahinter - zumindest keine so extreme, wie es die Äußerungen vermuten lassen.


Soll das ein Rechtfertigungsgrund sein? Mitnichten, denn wie die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Dresden nach dem Anschlag von Halle treffend formulierte:

"Was denkbar ist, wird irgendwann sagbar. Und was sagbar ist, wird irgendwann machbar." Dr. Nora Goldenbogen, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Dresden

Auch Stephan B. merkte irgendwann, dass antisemitische Sprüche gut bei seinen digitalen Freunden ankamen. Gleichzeitig wurden in die Witze der anderen auch immer wieder ein paar "Fakten" eingestreut. "Wer beweist, dass es keine jüdische Weltregierung gibt?" Er entwickelte Feindbilder: Juden, Muslime, Feministinnen.


Der junge Mann aus dem sachsen-anhaltinischen Outback begann sich zu radikalisieren, für ihn wurden diese Menschen Feinde, weil er das immer und immer wieder las. Ein Teil dieser Dinge mag nicht einmal ernst gewesen sein. Doch B. wusste, dass es eine Möglichkeit gibt, in die Geschichte einzugehen, genau wie die "großen Idole" dieser Boards Anders Breivik und Brenton T, der Attentäter von Christchurch. Er musste Menschen töten.


Unberechenbar


Die Schlussfolgerung sollte uns nicht in Panik versetzen. Doch diese Menschen sind unberechenbar, sie agieren außerhalb klassischer rechtsradikaler Strukturen, sie werden von keinen Organisationen rekrutiert und sie folgen keinem Muster. Am Anfang steht die Lust des Tabubruches, die Dinge zu sagen, die im Alltag auf Empörung und Widerstand stoßen.


Dann folgt eine Selbstradikalisierung durch unweigerlich folgende Verschwörungstheorien und rechte Inhalte. Diese Strukturen bestätigen sich selbst, und in einer gewissen Wagenburgmentalität halten die User zusammen. Sich mit einer Bluttat ein Denkmal zu setzen ist die traurige letzte Konsequenz. Wie in Halle. Wo der oft so belächelte "Mist aus dem Internet" zwei Menschen das Leben kostete.



Notizblock:

Ich habe mich bewusst entschieden, die Gaming-Debatte herauszulassen. Es gibt für mich keine klare Antwort. Fakt ist: Das Klientel, das für das oben beschriebene Shitposting empfänglich ist, ist meist auch Teil der Gamerszene. Doch: Die Gamerszene ist unglaublich groß, die antisemitisch-rassistische Netzgemeinde nur ein winziger Teil davon. Alle Gamer in Sippenhaft zu nehmen, wäre Dummheit. Doch gleichzeitig sollte mit Aufklärungsarbeit hier begonnen werden.


Foto: Flickr/fk you

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