Social Media ist nicht die fünfte Gewalt

Aktualisiert: 11. Aug 2019

Die sozialen Medien sind nur ein neuer Kanal, keine staatstheoretische Revolution. Warum ihre Bedeutung überschätzt wird und der Pressespiegel noch immer wichtig ist.


Soziale Medien sind die große Blackbox des 21. Jahrhunderts. Und sie taugen dazu, die bekannten Spielregel der Kommunikation gründlich über den Haufen zu werfen. Nie zuvor war es möglich, sich mit so vielen Menschen zu vernetzen und Meinungen von anderen zu hören. Doch dass es möglich ist, bedeutet noch lange nicht, dass es geschieht.


Manchmal ist auch von den sozialen Medien als "fünfte Gewalt" zu lesen. Diesen Titel müssen sie sich zeitweilig mit dem Lobbyismus teilen. Diesem markigen Bild, das zeitgleich noch von ein wenig Erinnerung aus dem Politikunterricht zeugt, kann kaum jemand widersprechen. Doch aus politikwissenschaftlicher Sicht hält sich die Sinnhaftigkeit in Grenzen. Denn schon die vierte Gewalt, die "Medien", fügen sich nicht so nahlos in das eröffente Bild ein. Bereits in den 1850er Jahren hatte Jean-Jacques Rousseau, bezugnehmend auf Montesquieus Einteilung der Staatsorgane in Exekutive, Legislative und Judikative, die Medien als vierte Säule des Staates identifiziert. Erst 1959 bezeichnet Martin Löffler die Medien als "vierte Gewalt".


Nicht systemrelevant


Die Bedeutung dieser kleinen Wortänderung offenbart bereits die Schwierigkeit: "Die Medien" sind keineswegs institutionell. Sie verfügen, anders als die anderen Säulen, über keinerlei direkte Kompetenzen. Sie werden erst zur "Gewalt", indem sie die politischen Prozesse und Entscheidungen an die Bevölkerung übermitteln, und andersherum die Wünsche und Stimmungen der Bürger kanalisieren und an die politischen Eliten tragen. Um daraus aber eine Wirkungsmacht abzuleiten, ist die Bevölkerung als Souverän, also eine Demokratie, notwendig.


Darüber hinaus sind "die Medien" äußerst divers und eben nicht institutionalisiert. In Deutschland könnte das zwar den öffentlich-Rechtlichen nachgesagt werden, doch zur Medienlandschaft gehören explizit auch private Medien, vom lokalen Radiosender bis zur überegionalen Tageszeitung. Ihre Arbeit ist nicht an sich systemrelevant, sondern erreicht diesen Stand erst im Bezug auf die anderen Säulen. Dies wird in aktuellen, politikwissenschaftlichen Darstellungen aufgegriffen, wo die "Presse" nicht als vierte Säule, sondern als Hintergrundvariable angezeigt ist.

Die Medien machen keine Gesetze und schicken auch keine Polizisten los, um sich zu schützen. Aber durch kritische Berichterstattung können sie die anderen Gewalten kontrollieren und die Verhältnisse verändern. Constantin Wißmann im "Fluter".

Inwiefern ist das auf Social Media übertragbar? Das Problem, das die sozialen Medien als vermeintlich fünfte "Gewalt" und viel mehr noch als fünfte "Säule" haben, ist die Abwesenheit jeglicher Institutionalität. Während bei den klassischen Medien zwar viele verschiedene, aber nach bestimmten Maßgaben arbeitende Redaktionen die Inhalte veröffentlichen, ist es bei Social Media schlicht jeder, in unregelmäßigen Abständen. Die Netzwerke an sich, wie Facebook, Twitter oder WhatsApp, bilden nur den Rahmen. Diese "Säule" hat keine "Tragfähigkeit" auf die man sich verlassen könnte.


Und auch wenn wenige es wahr haben wollen, die klassischen Medien spielen auch im Internetzeitalter noch immer eine übergeordnete Rolle. Weniger als Meinungsmacher, aber als Quelle eigener Argumente und Sichtweisen. Dem widersprechen einige Experten nicht zu Unrecht. Ich selbst wurde erst durch eine ziemlich dünne, aber als Expertenmeinung getarnte Analyse im Tagesspiegel auf das Thema aufmerksam. Philipp Jessen war zuvor Chefredakteur bei stern.de, arbeitet heute bei Storymachine, einer Social-Media-Beratungsfirma, an der auch Springer Anteile hält. Seine These: Insbesondere Politiker müssten die sozialen Medien viel stärker in den Blick nehmen und sich nicht auf die klassischen Medienhäuser verlassen.

Und was braucht Donald Trump heute, um zum mächtigsten Mann der Welt zu werden – und es zu bleiben? Nur Twitter. Philipp Jessen im Tagesspiegel Background

Seine Argumente sind nicht neu und die Analyse nicht komplett fehlerhaft. Doch sie vermischt, was getrennt gehört. Das eine ist die Beobachtung "Trump wäre ohne Twitter nicht Präsident". Wir machen es kurz, nein. Dass Facebook eine Rolle bei dessen Wahl gespielt hat ist unbestritten. Doch seine erfolgreichsten Tweets bekommen mehrere einhunderttausend Reaktionen. Das ist sein beliebtester Tweet der letzten Woche:

Das ist viel, keine Frage und es sind definitiv noch mehr Menschen, die die Tweets gelesen haben. Auf der anderen Seite steht zwar Twitters große Bot-Armee, die für einen Anteil der Likes verantwortlich sein dürfte, aber wirklich viele Menschen lesen diese Tweets. Gemessen an den mehreren Milliarden potenziellen Lesern (alle Menschen mit Internetzugang) sind diese Zahlen jedoch ein Witz. Die Einschaltquoten der Tagesschau sind deutlich höher als die Lesequoten der Tweets von Donald Trump. Die meisten Menschen sind schlicht nicht auf Twitter, das muss der Journalistenblase immer wieder vor Augen geführt werden.


Doch die meisten Menschen wissen trotzdem davon, und sie wissen, dass Donald Trump viel twittert. Das erfahren sie aus den Medien. Eigentlich hat sich nicht viel geändert, ob der Präsident eine Pressemitteilung oder einen Tweet hinausschickt, erst dadurch dass die Zeitungen und Fernsehsender einsteigen, wird die Botschaft zur Massenware. Der Zeitdruck ist dabei seitens der Redaktionen nur ein gefühlter, für einen Großteil der Menschen würde der Trumptweet auf Twitter verhallen. Doch die Medien geben sich dem Druck hin.


Problematisch ist auch Jessens Vorschlag, dass Parteien morgens ein Social-Media Briefing veranstalten sollen. Aus der Empfehlung, gleich den Pressespiegel wegzulassen, spricht dann doch die monothematische Setzung seiner Firma. Doch was die Sozialen Medien erfüllen, was früher nur die "normalen" Medien machten, ist reines Agenda-Setting. Sie spülen Themen in die Öffentlichkeit, ohne dass ein Journalist in seiner "Gatekeeper"-Funktion sie vorher dafür ausgewählt hat. Erfüllen Sie das dadurch besser?

Agenda-Setting: Thematisierung, etwas auf die Tagesordnung setzen; Theorie der Kommunikationswissenschaft, nach der die Massenmedien, indem sie über bestimmte Themen berichten und über andere nicht, die Konsumenten beeinflussen, sich mit bestimmten Themen kognitiv und emotional zu befassen. Agenda Setting bezeichnet insofern eine Beeinflussungswirkung der Massenkommunikation. Diese Theorie ist teilweise umstritten, weil sie Zusammenhänge zu stark vereinfacht darstellt.

Gabler Wirtschaftslexikon.

Das Agenda-Setting der sozialen Medien ist enger begrenzt, als es auf den ersten Blick scheint. Im Text wird die Beobachtung genannt, dass Aufreger-Themen mit vielen Reaktionen und Kommentaren nach oben gespült werden. Die Kehrseite der Medaille ist, dass dieser Mechanismus auch ausschließt. Es ist nur Platz für die heißen Themen, Flüchtlinge, Umwelt, Diesel, CDU. Im Lokalen vielleicht ein großes Schlagloch, die Schließung einer Schule. Niemals würde es ein besonders schönes neues Wandgemälde in den Fokus der Social-Media-Öffentlichkeit bringen. Verließe sich die Politik deshalb auf die Themensetzung der sozialen Netzwerke, wäre das höchst problematisch. Deshalb wäre es sinnvoll, den Pressespiegel nicht gleich abzuschaffen. Auch wenn ein Blick in das Browserfenster ebenso dazugehören muss.


Teil der vierten Gewalt


An dieser Stelle können wir zur Ausgangsfrage zurückkehren. Sind soziale Medien die fünfte Gewalt? Das lässt sich mit nein beantworten, sie sind eine Erweiterung der vierten Gewalt. Deren Aufgabe liegt, wie zuvor beschrieben, in der Vernetzung von politischen Eliten und Bürgern: Politiker erfahren, was die Einwohner bewegt und die Regierten bekommen einen Überblick über die neusten Entscheidungen der Regierung oder derjenigen, die dazu danach streben. Genau diese Funktionen erfüllen auch die klassischen Medien - unter etwas anderen Vorzeichen und Mitteln, wie einem anders funktionierenden Agenda-Setting. Das bedeutet nicht, dass die Kämpfe innerhalb dieser Säule stillstehen - die sind erbittert wie eh und je. Die Aufgaben der Medien sind klar. Ob am Ende die "sozialen" oder die "klassischen" sie erfüllen, bleibt abzuwarten. Das Wünschenswerteste bleibt das übliche: Ein gesunder Mittelweg.


Interessantes zum Thema


Die gescholtene Tagesspiegel-Analyse will ich nicht unverlinkt lassen. Vorsicht damit: https://background.tagesspiegel.de/politik-versteht-social-media-nicht


Sehr guter Podcast von Stefan Schulz zum Thema Twitter und Twitterblase.

https://stefanschulz.com/talkradio/twitter-ist-unser-schicksal/


Zur Geschichte der Pressefreiheit und historischer Einordnung im fluter.

https://www.fluter.de/ich-klage-an


Demokratietheoretischer Zugang zur Rolle der Medien in der Politik von Prof. Heinz Pürer von der Uni München (Von 2008 aber macht ja nichts)

https://www.mediamanual.at/mediamanual/mm2/themen/pdf/MI64_Puerer.pdf


Die Entwicklung des Modernen Staatswesens bei der BPB.

http://www.bpb.de/175902/wege-zur-modernen-demokratie?p=all


Und natürlich: Luhmanns Spiegelmodell. Hab keinen Link zum Volltext, hier kurz erklärt mit Quellenangaben.

https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/NuN_08_Oeffentliche%20Meinung_0.pdf



Das Titelfoto stammt von Thomas Hawk.

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