Ukraine-Flüchtlinge: Der Hass darf nicht zurückkehren

Aktualisiert: 3. Mai

Noch überwiegt Hilfsbereitschaft für die ukrainischen Flüchtlinge, doch erste Lügen machen die Runde. Die Solidarität darf den Kampf nicht verlieren - nicht schon wieder.


Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es so eine Meldung geben wird: Ein ukrainischer Geflüchteter begeht eine schwere Straftat, vielleicht sogar in Sachsen. Dass so etwas passieren kann, ist schlicht wahrscheinlich, bei der großen Zahl an Menschen, die vor dem Krieg hier Zuflucht suchen.


Aus den Erfahrungen von 2015 wissen wir: Erst dann beginnt die wirkliche Feuerprobe für die Solidarität. Als Hunderttausende vor dem Syrien-Krieg nach Europa flohen, herrschte anfangs fast so etwas wie Euphorie und Neugierde. Teddybären an den Bahnhöfen, tausende Freiwillige in den spontan aus dem Boden gestampften Geflüchtetenunterkünften. Schon damals ein Akt, den man den eher eigenbrötlerischen Deutschen kaum zugetraut hätte.


Doch schon bald kippte die Stimmung. Die Bilder der Freude und Hilfsbereitschaft verschwanden aus den Erinnerungen. Sie wichen einer Erzählung der Überforderung, der Krise und der Angst. Da war kein Funken Stolz übrig. "2015 darf sich nicht wiederholen" hieß es plötzlich auch von politisch gemäßigten Kräften. Als gäbe es einen Grund zur Scham. Als wäre es ein Fehler gewesen, Menschen auf der Flucht vor Tod und Zerstörung zu helfen.


Es regierte die Desinformation


Große Teile der Allgemeinheit haben sich damals ängstigen lassen von Kräften, die aus der Krise politisches Potenzial schlagen wollten - und geschlagen haben. Immerhin hat der Widerstand gegen die Geflüchteten des Syrien-Kriegs wesentlich zum Erfolg der AfD beigetragen, die heute die Opposition im sächsischen Landtag anführt und bei der Bundestagswahl 2021 im Freistaat die meisten Zweistimmen einsammelte.


Dazu regierte die Desinformation: Die "Nein zum Heim"-Facebookseiten reichten wie heute die "Freien Sachsen" Gerüchte und Nachrichten so schnell weiter, dass der mittelmäßig Interessierte Mitleser denken konnte, die "kriminellen Flüchtlinge" wären überall. Es ist kein Zufall, dass selbst in WhatsApp-Familienchats die angebliche Nachricht vom Flüchtling kursierte, der eine Ziege aus dem Zoo stahl und aß - und das stets ganz zufällig in der nächsten Kreisstadt.


Ein Grund, stolz zu sein


Jetzt fängt es wieder an. In einem viralen Video behauptet eine Frau, ukrainische Geflüchtete hätten in Euskirchen einen Jugendlichen zu Tode geprügelt - ein Fake, wie sich später herausstellte. Doch die öffentliche Wucht dieses Vorfalls erlaubt einen Vorgeschmack darauf, was passieren dürfte, sollte ein echter Fall öffentlich werden.


Einiges ist dieses Mal anders. Die ukrainischen Geflüchteten stoßen aufgrund von Religion, Hautfarbe, Alter, Geschlecht und einer gewissen historischen Verbundenheit in Sachsen auf mehr Offenheit. Warum das so ist kann hinterfragt und kritisiert werden. Es darf aber in keinem Fall den Schutzsuchenden angelastet werden.


Trotzdem wird es in den kommenden Wochen und Monaten viele Versuche geben, die Erzählung wieder in eine andere Richtung zu drehen, Angst und Misstrauen zu säen. Politische Kräfte, wie der sächsische Vorsitzende der AfD in Sachsen, ebnen mit Reden wie am vergangenen Dienstag im Landtag dafür den Weg.


Es ist Aufgabe der Zivilgesellschaft, so etwas nicht zuzulassen. Auf Akte der Hilfsbereitschaft und Solidarität darf jeder völlig zu recht stolz sein. Eine Entwertung dessen, so wie es nach der Flüchtlingsbewegung 2015 passiert ist, darf es nicht wieder geben.


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