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© 2019 Maximilian Helm

Facebook zu zerschlagen nützt nichts

Aktualisiert: 26. Aug 2019

Selbst der Co-Gründer spricht sich für die Zerschlagung Facebooks aus. Wie konnte das passieren? Und ist die Idee gut?


Vor einer knappen Woche erschien in der New York Times ein Artikel, der vermutlich noch in Jahren zitiert werden wird. Chris Hughes, der 2004 an der Gründung Facebooks beteiligt war, ruft darin zu nicht weniger als der Zerschlagung des Konzerns auf. Grund: CEO Mark Zuckerberg sei viel mächtiger, als es sinnvoll wäre. Wie in US-Medien üblich, ist der emotionale Level hoch, der Artikel ist gespickt mit Fotos von Hughes und Zuckerberg aus ihrer Universitäts-Zeit und der Autor spricht sehr persönlich und, das verwundert, in den höchsten Tönen von ihren gemeinsamen Jahren.


Nur was steckt dahinter? Bereits 2007 schied Hughes aus der Führungsriege des Unternehmens aus, es wäre zu spät und fehl am Platze, nun schmutzige Wäsche zu waschen. Vielleicht geht ihm tatsächlich um einen politischen Beitrag, vielleicht erhofft sich Hughes, dessen gegenwärtige Geschäfte nur an ein paar Unternehmensbeteiligungen enthalten, einen persönlichen Vorteil durch das zu erwartende Medienecho. Was in jedem Fall übrig bleibt, sind einige ziemlich gute Argumente, warum Facebook eine Gefahr ist. Die Frage, ob die von ihm geforderte Zerschlagung der anschließend richtige Weg ist, klären wir später.


Chris Hughes veröffentlichte seinen Artikel in der New York Times. Screenshot.

Facebook ist zu mächtig.


Facebook ist immer noch der Platzhirsch in der Internet-Kommunikation. Insgesamt erreicht der Konzern mehr als zwei Milliarden Menschen mindestens einmal im Monat. Konkurrenten können da nicht mithalten. Schuld ist das Metcalfesche Gesetz. Das besagt, dass Kommunikationssysteme nicht den normalen Wettbewerbsbedingungen unterliegen, da sie nur dann nützlich sind, wenn möglichst viele Nutzer aus deren Umgebung auch dort angemeldet sind. Die Attraktivität eines Netzwerkes steigt also exponentiell mit dessen Nutzerzahlen. Im Gegensatz dazu verliert es aber auch genauso rapide, wie gerade am Mutterschiff des Facebook Konzerns gut ablesbar ist. Das ist für Jugendliche unter 20 Jahre praktisch bedeutungslos. Doch da Instagram an dessen Stelle trat, bleibt das Grundproblem bestehen.




Spätestens 2014 wäre der Moment gewesen, dem Einhalt zu gebieten. 2012 Facebook kaufte Instagram, 2014 WhatsApp, was bereits zu diesem Zeitpunkt eine absehbar zu große Wettbewerbsverschiebung war. Um zu verstehen, wie dieser große Deal zustande kommen konnte, lohnt ein Blick ins US-amerikanische Wettbewerbsrecht. Heruntergebrochen geht es darin um den Preis von Waren. Zu große Unternehmenszusammenschlüsse müssten deshalb verhindert werden, weil sie sonst nicht mehr den Gesetzen des Marktes unterlägen und die Preisgestaltung willkürlich vornehmen könnten. Doch: Soziale Netzwerke haben kein Produkt, keinen Preis. Wozu dem also Einhalt gebieten? Heute würde gewiss anders entschieden.


Unterschätzte Daten


Was die Verantwortlichen in der ganzen Welt langsam verstehen, aber noch nicht auf die Gesetze übertragen haben, sind der Wert von Daten. „Ich habe nichts zu verbergen“, heißt es dann. Sicher? Die Auswertungstools des Facebook-Konzerns gehen viel weiter, als man es sich vorstellt. Es werden Mausbewegungen und Verweildauer auf Fotos analysiert, Voraussagen über zukünftige Beziehungskonstellationen lassen sich mit größter Präzision treffen. Der harmlosere Teil wäre, dass plötzlich mehr Fotos der offensichtlich gemochten Person angezeigt werden oder statt Actionfilmen plötzlich häufiger Beziehungskomödien vorgeschlagen werden. Doch gleichzeitig gibt es in den USA ein Programm, mit dem Facebook Suizide verhindern will. Wird aufgrund bestimmter Interaktionen eine emotionale Instabilität erkannt, wird bei bestimmten Arten von Posts sogar ein Einsatzteam informiert, um die in den USA immer häufiger werdenden „Live-Suizide“ zu unterbinden.


Im Grunde genommen ein hehres Ziel. Es bedeutet aber auch, dass ein Internetkonzern, der an keinerlei ärztliche Schweigepflicht gebunden ist, eine Liste mit den emotionalen Zuständen aller Amerikaner besitzt. Diese Daten in den falschen Händen wären fatal. Sie können so tief in die Privatsphäre von Personen blicken, dass sich dort stets Erpressungspotenzial findet. Für jede öffentliche Person, insbesondere Entscheidungsträger, lässt sich ein Drohbrief maßschneidern. Und diesen genau dann losschicken, wenn ohnehin schon eine Phase emotionaler Instabilität erkannt wurde.


Too big to fail


Was nun? Die US-Präsidentschaftskandidatin Elisabeth Warren erhält derzeit Applaus für ihre radikale Forderung, den Facebook-Konzern endlich zu zerschlagen. Es sei Zeit, die Uhr zurückzudrehen, Instagram und WhatsApp wieder herauszulösen. Doch dieser Vorschlag ist kurzsichtig. Zunächst wird sich der Datenschatz Facebooks erst einmal auf drei unabhängige Unternehmen mit der dreifachen Angriffsfläche verteilen. Und dann wird sich über kurz oder lang ein neuer großer Player etablieren. Dafür sorgt die Faulheit der User und das eingangs erwähnte Metcalfesche Gesetz, dass die Zentrierung auf eine zentrale Plattform voraussagt.




Sollte der Staat einspringen? So ein Modell findet man derzeit in China. Mit der App Wechat kann man sich verabreden, ein Taxi zum Treffpunkt rufen und anschließend Fahrt und Essen direkt bezahlen. Eine App für alles, maximal benutzerfreundlich, am Schluss hat aber der Staat seine Finger im Spiel. Das ist beinah eine Dystopie, betrachtet man die Neigung des chinesischen Staates dazu, seine Bürger zu kontrollieren. Im Westen könnte der Datensammelwut der Privatunternehmen zwar durch Verstaatlichung Einhalt geboten werden. Doch sind diese Unternehmer, gerade weil sie privatwirtschaftlichen Zwängen unterliegen, für viele der großen Internet-Innovationen der letzten Jahre verantwortlich. Kann ein staatlicher Konzern dies gewährleisten? Und wird er sich ewig der Versuchung entziehen können, die zur Verfügung stehenden Daten zu nutzen? Es gibt einige gute Gründe dafür, Internetkonzerne in der Privatwirtschaft zu lassen.


Interessant ist in der Beziehung auch der Iran. Dort hat der Staat beliebte Apps wie WhatsApp und Telegram kopiert und als staatlich kontrollierte Klone auf den Markt gebracht. Unliebsame Sprüche und Worte werden direkt blockiert, in seltenen Fällen sogar strafrechtlich verfolgt. Dies veranlasste die Bürger einen Code zu verwenden und für freie Kommunikation auf unabhängige Anbieter aus dem Ausland zu wechseln. Hierin scheint ein Ansatz zu liegen, denn auch wenn die Gefahr der Repression im Iran unmittelbar ist, lässt sich das Potenzial auch in Europa nicht von der Hand weisen. Menschen wollen nachweislich sichere Kommunikation.


Die SPD Spitzenkandidatin der EU-Wahl Katarina Barley hat im Zeit-Podcast "Alles gesagt" für den Bereich der immer weiter wachsenden direkten Kommunikation einen anderen Ansatz formuliert. Die beharrt auf einer Pflicht zur plattformübergreifenden Zusammenarbeit. Messenger soll Nachrichten an Whatsapp, weiter zu Telegram und umgekehrt senden können. „Bei herkömmlichen Mobilfunkanbietern ist das eine Selbstverständlichkeit, warum nicht bei sozialen Netzen?“, fragt Barley. Somit könne eine Konkurrenz um den besten Datenschutz entstehen. Die Idee ist gut, sie würde sofort das Primat einiger weniger Player aufbrechen, technisch allerdings mit einigen Hürden verbunden sein. Schließlich entsteht Sicherheit hauptsächlich durch eine leistungsstarke End-zu-End-Verschlüsselung, muss diese plattformübergreifend funktionieren, sind zahlreiche Lücken zu erwarten.

Es muss einheitliche Messenger-Standards geben. Da wäre eine europäische Lösung denkbar. Das ist beim Mobilfunk möglich und das ist auch bei diesen Systemen möglich. Katarina Barley, SPD.

Am Ende läuft es wieder auf Regulierung heraus. Internetkonzerne dürfen keine Daten mehr sammeln, es muss ihnen untersagt werden, Mausbewegungen zu loggen und umfassende Profile von Personen zu erstellen und zentral zu speichern. Das ist juristisches Neuland, da Facebook absolut nichts illegales tut, indem es öffentlich verfügbare oder freiwillig zur Verfügung gestellte Daten sammelt und in Verbindung bringt. Schädlich ist es trotzdem und die Hauptmotivation, bestmöglich Werbung auszuspielen, ist zwar unschön, aber wenigstens harmlos. Doch die Gefahr, die von diesen Profilen ausgeht, ist zu groß. Dass Informationen über sexuelle Orientierung, geistiger Verfassung oder Religionszugehörigkeit in die Hände von Fanatisten geraten muss um jeden Preis verhindert werden. Dazu muss der große Player Facebook staatlichen Regeln unterworfen werden und das besser noch gestern als heute. Beim Zerschlagen wüsste man indes nicht, wer die Splitter aufhebt.


Feine Links zum Thema:

Chris Hughes in der New York Times:

https://www.nytimes.com/2019/05/09/opinion/sunday/chris-hughes-facebook-zuckerberg.html


Folge 4 vom Podcast "Denkangebot" von Katarina Nocun. Sie gräbt sich tief in Themen und bespricht sie ausführlichst. Große Empfehlung.

https://www.denkangebot.org/


Sächsische.de-Podcast zum Thema Soziale Medien. Warum der Abstieg Facebooks nichts bedeutet. https://www.saechsische.de/ist-facebook-bald-tot-kommunikation-tu-dresden-anna-maria-schielicke-podcast-drittelstunde-fabian-deicke-maxim-5059916.html


Über Telegram im Iran:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/iran-neue-app-mit-verhuellten-emojis-und-telegram-verbot-15570275.html sowie https://www.youtube.com/watch?v=zHKUa28ET9A (ARTE-Beitrag)



Das Beitragsfoto stammt von Brian Solis.

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