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© 2019 Maximilian Helm

Warum ich gern ein Feminist sein will

Aktualisiert: 11. Dez 2019

Unser Autor schließt mit alten Rollenzwängen ab. Warum ihn das glücklich macht – ein Essay zum Männertag.

Ganz für sich genommen, ist der Feminismus etwas wunderbar Rechtschaffenes. Die Befreiung der Frau von Erwartungen und sozialem Druck, damit sie sich frei entfalten und für das entscheiden kann, was sie auch tatsächlich möchte. Doch der Feminismus ist zum Kampfbegriff verkommen. Unzählige Debatten haben die Häute aller Beteiligten dünn werden lassen. So dünn, dass schon bei der Erwähnung des Wortes sofort an Wut und Verachtung gedacht wird.


Dabei könnten auch die Männer nur gewinnen, wenn sie sich diesen Ideen anschließen würden.

Wer glaubt, der Feminismus sei eine homogene Bewegung, irrt. Vielmehr kann und muss jeder seinen eigenen Ansatz finden. Ich persönlich wünsche mir eine Befreiung aller Geschlechter von stereotypen Erwartungen. Möglicherweise ist der Name „Feminismus“ dann irreführend, aber wen interessiert schon die Marke? Am Ende soll jeder, Junge wie Mädchen, genau das machen, was ihm am besten gefällt. 


Und das, ohne sich gezwungen zu fühlen, irgendwelchen Rollenklischees zu entsprechen oder auf eine bestimmte Art und Weise zu handeln, die nicht seiner Natur entspricht. Und das nur zu tun, um am Ende unglücklich zu werden. Und ganz wichtig: Wenn sich eine Frau entscheidet, ihr Leben ihrem Mann und ihren Kindern zu widmen, dann soll sie das natürlich gern machen, weil sie frei ist! Sie sollte nur nicht dazu gedrängt werden.

Doch wo kommen die Männer ins Spiel? Der Punkt, an dem ich einigen Feministinnen widerspreche, ist der reine Leidensdruck beim weiblichen Geschlecht. Ja, Männer sind privilegiert. Seit Jahrtausenden herrschen Männer und neigen dazu, andere Männer zu fördern. Sie sind größer, stärker und lauter. Frauen hingegen haben jeden Monat mit Schmerzen zu kämpfen und tragen die Hauptlast der Fortpflanzung. Das auszugleichen wäre ein Schritt zur wahren Gleichstellung.


Keine Tränen, kein Salat


Doch Männer sind nicht nur Profiteure dieser Rollenverteilung. Geld verdienen, stark sein und bis um neun im Büro sitzen. Dafür nicht weinen, keinen Salat bestellen und um Himmels willen keinen Handwerker rufen. Seit Jahren gehen Frauen viel häufiger zum Psychologen, aber seit genauso vielen Jahren nehmen Männer sich deutlich häufiger das Leben. Der Zusammenhang ist offensichtlich.


"Sie geben mir zu verstehen, dass das, was ich hier tue, schon total in Ordnung, aber doch irgendwie nicht so ganz normal ist."

Auch ich spüre diese Zwänge. Ein Freund macht sich lustig, weil ich keinen Führerschein habe. Ich kenne alle Sprüche, die kommen, weil ich lieber Sekt als Bier trinke. Und meine Eltern sagen mir freundlich, dass es gar kein Problem wäre, wenn ich mich als schwul outete. Sie sagen das, weil ich Theater spiele und mein Geld zum Beispiel mit Texten über Feminismus verdiene. Und sie geben mir zu verstehen, dass das, was ich hier tue, schon total in Ordnung, aber doch irgendwie nicht so ganz normal ist.


Aber was ist normal? Normal ist, was im Fernsehen läuft, normal ist, was immer war. Heimarbeit für Frauen, Lohnarbeit für Männer. Warum? Weil Männer mehr Muskelmasse und keine Gebärmutter besitzen? Der zu Recht belachte Preis als „Spitzenvater 2019“ für den Ehemann einer Astronautin, weil der ein Jahr Elternzeit nahm, ist nicht nur für Frauen eine Katastrophe. Auch den Männern suggerierte er: Wenn ihr eure Kinder erzieht, seid ihr auch 2019 noch ein Sonderling und bekommt sogar eine kleine Plakette um den Hals gehängt. Und wer will schon ein Sonderling sein, vor allem, wenn er einfach nur für seine Kinder da sein möchte?


Das Patriarchat ergibt keinen Sinn mehr


Dabei sollen Männer genau das dürfen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und die Überstunden im Büro soll dann eine Frau machen, ohne als karrieregeil abgestempelt zu werden. Oder im schlimmsten Fall gefragt zu werden, was sie denn für eine lieblose Mutter sei, dass sie ihre Kinder vernachlässigt. Dabei tut sie das gar nicht, weil sich ja ihr Mann, oder ihre Frau, oder ihre beiden Männer oder wer auch immer darum kümmert.


Schluss mit Bewertungen auf Grundlage von Zwängen, von denen wir selbst nicht wissen, warum die in grauer Vorzeit irgendjemand mal erfunden hat. Das ganze Patriarchat ergibt keinen Sinn mehr, warum sollte die körperliche Überlegenheit der Männer immer noch in einem Führungsanspruch münden? Spätestens seit Menschen in Gruppen zusammenleben, ist soziale Intelligenz das Rezept für Herrschaft. Und wird diese Kompetenz nicht eher den Frauen nachgesagt?


John Wayne oder Cinderella


Die Zeit ist reif, dass jeder seine Wünsche ausleben kann, ohne einer abstrakten Projektion von John Wayne oder Cinderella entsprechen zu müssen. Natürlich kommt damit Arbeit auf uns zu. Ich kann mich nicht mehr auf Althergebrachtes verlassen und einfach das machen, was mein Vater und sein Vater vor ihm und dessen Vater gemacht haben.


Ich muss meine Rolle mit den anderen, aber vor allem mit mir selbst aushandeln. Das ist mühsam, aber es zwingt mich, meine Wünsche zu hinterfragen. Will ich in eine Führungsposition, nur weil ich als Mann der erfolgreiche Versorger zu sein habe, es mir in Wirklichkeit aber gar nicht gefällt? Die Frage „Was will ich eigentlich?“ ist so einfach gestellt wie schwierig beantwortet. Und der Druck, dabei einem Geschlechterbild zu entsprechen, macht es nur noch schwerer.

Doch wenn ich es geschafft habe, bin ich in meiner Entscheidung frei. Dann kann ich an meinem Traumleben als Prinzessin, Pirat oder Perlentaucher arbeiten. Genau das ist mein Feminismus. Und der Grund, warum ich Feminist sein möchte.


Dieser Text erschien im Mai 2019 in der Sächsischen Zeitung.